Dolmetschen in Babylon – Dolmetschen in die Zukunft hinein

Dolmetschen in Babylon – Dolmetschen in die Zukunft hinein

Blogbeitrag von Holger Kreft, 2. November 2023

Im Projekt DialogRaumGeld benutzen wir einige Begriffe, die es „in sich haben“ und die für große Dinge stehen: vor allem Geld und Wandel bzw. Transformation. Unterschiedliche inhaltliche Deutungsmöglichkeiten und durch die Begriffe ausgelöste Emotionen können schnell zu Missverständnissen führen.

Geld

Was löst dieser Begriff beim Lesen aus? Welche „Ladung“ hat er für uns? Was kommt bei unseren Mitmenschen an, die diese Begriffe in Gesprächen hören oder in Texten lesen? Wie sind die Begriffe von den Lesenden oder Hörenden subjektiv belegt? Welche Assoziationen und welche Emotionen werden bei ihnen geweckt? Was projizieren wir auf ‚Geld‘, eventuell ohne dass uns das bewusst ist? Nach meiner Erfahrung tauchen unterschiedliche Emotionen, positive wie auch negative auf. Und es sind inhaltlich verschiedene Vorstellungen damit verbunden.

Viele von uns werden vermutlich zunächst Bilder von Bargeld – also Münzen und Scheine, die gesetzlichen Zahlungsmittel – vor ihrem inneren Auge haben. Oder taucht sofort der persönliche Kontostand auf, also die numerische Darstellung der eigenen Bankeinlage, die genau genommen ja lediglich einen Anspruch auf Bargeld darstellt (das sogenannte Buchgeld), also ein Anspruch, den ich gegenüber meinem Kreditinstitut geltend machen kann? Es gibt demnach auch noch definitorische Unschärfen. Spielen zudem untergründig Glaubenssätze hinein wie „Geld regiert die Welt“, „Wer das Geld hat, hat die Macht“, „Geld stinkt nicht“ oder „Geld ist meine letzte Sicherheit“?

Was taucht in meinem Gegenüber auf, wenn er oder sie das Wort Transformation hört? Neutrales Unverständnis, Begeisterung, Entsetzen oder noch etwas Anderes?
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Veränderung, Wandel, Transformation…

Mit dem DialogRaumGeld wollen wir – gemeinsam mit vielen Anderen – grundlegende und dringend notwendige Veränderungen beim Geldwesen erreichen, ohne dass wir bereits die genaue Lösung kennen oder gar vorgeben wollen. Häufig tauchen daher Begriffe aus dem Wortfeld von ‚Veränderung‘, ‚Wandel‘ und ‚Transformation‘ auf. Sie können sich je nach Kontext mehr oder weniger gut gegenseitig ersetzen, was ich im Folgenden auch nutze.

Was nimmst du in dir wahr, wenn du jetzt hier diese Worte liest? Welcher der Begriffe ist dir sympathischer, welcher weniger? Aus meiner Sicht ist das für unsere Verständigung hochrelevant. Ich erkenne eine emotionale und eine inhaltliche Ebene, und beide scheinen mir miteinander verknüpft zu sein.

Was verbindest du inhaltlich mit „Transformation“?

Verbindest du mit Veränderung oder Transformation zu allererst den Wandel der Energieversorgung – also den Umbau, der weg von den fossilen hin zu erneuerbaren Energieträgern führen soll? Denkst du an die Veränderung von Geschäftsmodellen großer und kleiner Unternehmen? – Ich denke hauptsächlich an das zunehmende Überschreiten der ökologischen Grenzen unseres Planeten und an den Verlust von Lebensgrundlagen für Menschen und Mitwelt, auf die wir als Menschheit reagieren sollten. Ich denke an extreme Wohlstandsunterschiede, global, kontinental und national, die teilweise noch zunehmen. Ich denke auch an demografischen Wandel und den zunehmenden Arbeitskräftemangel in den sogenannten „westlichen Industrienationen“, an Digitalisierung, weitere Automatisierung, Virtualisierung und an den wachsenden Einsatz künstlicher Intelligenz.

Einige Menschen, mit denen ich spreche, meinen, bei allen diesen Prozessen grundlegender Veränderungen nur Beobachtende, manche gar Erduldende oder Leidtragende zu sein. Viele Menschen in den sogenannten Ostblockstaaten haben beim Zusammenbruch ihrer bekannten Ordnung nicht nur befreiende, sondern auch schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Möglicherweise lösen daher Begriffe wie ‚Transformation‘ oder ‚Wandel‘ Unbehagen aus, vielleicht sogar Angst, weil damit (weitere) Umbrüche mit unangenehmen Folgen für das eigene Leben oder ein Verlust an Gewohntem verbunden werden.

Wieder andere Menschen glauben an ihre Selbstwirksamkeit und die Möglichkeit, dass sie aktiv Einfluss nehmen können. Sie haben bereits ausreichend positive Wirkungen ihres eigenen Handelns erlebt, tragen positive Zukunftsbilder in sich, glauben Wege und Werkzeuge zu kennen und sehen auch noch die vielen anderen Menschen, die sich ebenso wie sie – auch weltweit – engagieren.

Vielleicht bedeutet Transformation für dich eine tiefgreifende Veränderung, an der du mitwirken willst: Wandel der gesamten Infrastruktur für Wohnen, Transport und Kommunikation. Sogar eine Veränderung von Wirtschafts- und Rechtsbeziehungen könnte auch damit gemeint sein. Und wie müssten wir unser Geld und unser Finanzsystem dafür gestalten? Vielleicht weckt der Begriff bei dir einfach auch nur eine diffuse Hoffnung auf „bessere Zeiten“. Das alles könnte für dich mitschwingen, wenn du Transformation hörst oder liest.

Der Begriff Transformation als Ausdruck einer Ideologie?

Möglicherweise schwingt bei dem Begriff Transformation für dich aber auch eine bestimmte Ideologie mit, ein dir fremdes Wertesystem. Vielleicht werden bei dir auch Einteilungen in ‚rechte‘ und ‚linke‘ Politik aktiviert. Und/oder verortest du Menschen, die das Wort Transformation benutzen, in einer „akademischen Blase“, die du fern deiner persönlichen Lebenswirklichkeit und Kultur ansiedelst?

Vielleicht assoziierst du Transformation aber auch (oder sogar vorrangig) mit Veränderungen auf der geistig-seelischen Ebene, also in unserem jeweiligen „Inneren“. Geht es dir um den Wandel unserer individuellen Haltungen, Mindsets, Überzeugungen, Werteprioritäten und/oder des Bewusstseins (siehe auch „Mentale Infrastrukturen“ von Harald Welzer 2011). Vielleicht siehst du in dieser persönlichen – „inneren“ – Transformation eine Voraussetzung für oder die Folge von Veränderungen (oder gar beides?) unserer technischen, ökonomischen und rechtlichen Infrastruktur.

Weitere mächtige Begriffe

Zu Geld und Wandel kommen beinahe zwangsläufig noch weitere, ebenso mächtige Begriffe auf den Tisch: Gerechtigkeit, Gemeinschaft, Liebe oder Frieden. Bei längerer Zusammenarbeit tauchen noch andere Begriffe auf, die mit dem Organisieren von Kommunikation und Kooperation in Gruppen zu tun haben: Führung, Konflikt, Gemeinschaft und noch weitere…

Der DialogRaumGeld arbeitet an grundlegenden Begriffen

Ich bin mir sicher: Missverständnissen können wir vorbeugen, indem wir mit unserem Gegenüber nicht nur klären, was wir mit einem gesprochenen oder geschriebenen Begriff meinen, sondern auch, wenn unser Gegenüber uns mitteilt, was sie oder er beim Hören oder Lesen in sich wahrnimmt. Konfuzius (551-479 v.Chr.) wird dazu ein schöner Ausspruch zugeschrieben, der sich nach meiner Einschätzung allerdings ausschließlich auf die Sachebene bezieht.

Unterschiedliche Lebenswirklichkeiten

Je bunter die Gruppe zusammengesetzt ist, die an den Themen arbeitet, desto unterschiedlicher dürften die inhaltlichen Begriffsverständnisse sein, vor allem aber auch die geweckten Emotionen, die miteinander in Berührung kommen. Verschiedene Herkünfte und Sozialisationen treffen aufeinander, ebenso Prägungen durch unterschiedliche aktuelle Lebenswirklichkeiten und verschiedene Berufserfahrungen. Vermutlich liegen diverse Erfahrungen mit Geld und Wandel vor: schmerzhafte, freudvolle, hemmende, fördernde oder auch (scheinbar) neutrale und alle mit unterschiedlicher Intensität.

Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben Sitten und Künste. Darum achte man darauf, dass die Worte stimmen.

Konfuzius zugeschrieben
(Quelle: Hessischer Bildungsserver)

Übersetzen aus unserer Gegenwart in die gewünschte Zukunft hinein

Ganz besonders sind wir herausgefordert, wenn wir versuchen, eine wünschenswerte Zukunft für uns und den Planeten zu imaginieren, die wir vielleicht jedoch nur schemenhaft kennen (können), aber auf die wir uns dann mit unserem Tun sinnvollerweise ausrichten. Für die teilweise ganz neuen „Dinge“ und Abläufe, die in dieser Zukunft existieren, stattfinden und wirken sollen, mit denen wir vielleicht über unsere Sehnsüchte verbunden sind, brauchen wir also auch neue Begriffe, um uns darüber untereinander verständigen zu können. Oder es gilt unsere bekannten Begriffe zu erweitern oder zu verändern. Indem wir unsere Vorstellungen und Wünsche in Begriffen, Bildern und Geschichten im Austausch miteinander zum Ausdruck bringen, wächst die Chance, dass sie tatsächlich real werden.

Vielleicht wollen wir ja in einer ferneren oder gar nicht so fernen Zukunft sogar unter ‚Geld‘ etwas anderes verstehen als heute?

Der DialogRaumGeld lädt alle dazu ein, die sich daran beteiligen wollen, (auch) die zusätzlichen, für unsere Zukunft hilfreichen begrifflichen Grundlagen zum Thema Geldwandel zu schaffen. Im DialogRaumGeld entwickeln wir neue Ausdrucksmöglichkeiten und formen die notwendigen Begriffe, um uns einander besser verständlich machen zu können.